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Wenn der Mensch zur Katzenmutter wird

Petra Bauer                                                                                                         Artikel  Pfotenhieb  2.Ausgabe  2013

Handaufzucht: Wenn der Mensch zur Katzenmutter wird

Es ist ein unvergessliches Abenteuer für den Menschen, der sich dieser verantwortungsvollen Aufgabe stellt. Im Vordergrund steht natürlich das Überleben der Kleinen. Der Mensch begleitet die Katzenwaisen aber auch durch wichtige Entwicklungsphasen, die ihr späteres Verhalten beeinflussen können.

Die Gründe für eine Handaufzucht sind vielfältig. Die Milch der Mutterkatze versiegt plötzlich, die Katze nimmt die Neugeborenen nicht  an oder der Wurf ist sehr groß und ein Welpe wird vernachlässigt. In manchen Fällen wird die Mutterkatze krank oder stirbt.

Der weitaus häufigste Grund für die Notwendigkeit einer Handaufzucht durch den Menschen sind die Katzenfindelkinder. Sie werden vor Tierheimen ausgesetzt oder auf verantwortungslose und grausame Weise einfach wie Müll entsorgt. Mit viel Glück werden sie von einem aufmerksamen Menschen entdeckt und gerettet.

In allen Fällen ist schnelles Handeln für das Überleben der meist erst wenige Stunden oder Tage alten Kätzchen wichtig. Je jünger die Kitten sind, desto geringer sind ihre Überlebenschancen und desto wichtiger sind schnelle Entscheidungen. In den ersten Wochen brauchen sie vor allem Wärme, Milch und Schlaf, um zu gedeihen.

Die Handaufzucht solcher sehr jungen Babys ist ein Vollzeitjob. Wer sich in dieses aufregende Abenteuer stürzt, sollte sich dessen bewusst sein. Ganz sicher ist, dass er in den ersten Wochen wenig schlafen wird, aber sicher ist auch, dass er dafür reichlich  belohnt wird. Die Kleinen in dieser sehr intensiven Entwicklungsphase zu begleiten, entschädigt für viele Unannehmlichkeiten und schlaflose Nächte. Es passiert unglaublich viel Spannendes, wenn ein neugeborenes Katzenbaby sich zum Katzenkind entwickelt.

Trotzdem sind die Katzenbabys auch bei guter Betreuung vielen Gefahren ausgesetzt, da sie nicht den natürlichen Schutz der Muttermilch und der darin enthaltenen wichtigen Abwehrstoffe  haben. Die gefürchtetsten Komplikationen sind Infektionen in dieser Zeit, aber auch Unverträglichkeiten oder Überforderungen des Magen-Darm Traktes können das Katzenkind schnell in lebensbedrohliche Situationen bringen.

Die Nahrung sichert das Überleben

Eine erfolgreiche Handaufzucht von neugeborenen oder weniger Tage alten Kitten bedeutet Betreuung rund um die Uhr. Die Kleinen müssen anfangs  alle 2-3 Stunden gefüttert werden, dann kann der Abstand der Mahlzeiten 4 Stunden betragen. Ab der 5. Woche werden die Katzenkinder langsam an feste Nahrung gewöhnt.

Die Aufzuchtmilch hat eine der Katzenmuttermilch angepasste Zusammensetzung. Der Magen-Darm-Trakt der jungen Kätzchen ist noch äußerst empfindlich und eine Unverträglichkeit kann schnell  zu Durchfall führen.  Für ein Katzenbaby ist das eine gefürchtete Komplikation und könnte seinen frühen Tod bedeuten.

Auch die Handhabung der Babys beim Füttern erfordert etwas Geschick. Die Kleinen werden sitzend gefüttert, mit einem speziellen Fläschchen und  angepasstem Sauger. Damit beugt man der Gefahr vor, dass sie sich verschlucken und Milch in die Lunge der Babys gelangt.

Nach der Mahlzeit  muss der Mensch die Rolle der Mutterkatze übernehmen und bei der Verdauung helfen.  Normalerweise leckt die Katze den Bauch der Jungen, um die Darmtätigkeit der Kleinen anzuregen. Diese Hilfe brauchen sie in den ersten drei Wochen ihres jungen Lebens um Ausscheiden zu können. Nun leider entspricht die Vorgehensweise einer Katzenmutter so gar nicht der menschlichen Natur, also müssen Alternativen überlegt werden, die zum gleichen Ergebnis führen. Der Mensch kann das verdauungsfördernde Lecken der Mutterkatze durch eine Bäuchleinmassage mit den Fingern ersetzen. Ein angefeuchteter Waschlappen simuliert die rauhe Katzenzunge. Erst wenn das Kätzchen ausgeschieden hat, wird es wieder zum Schlafen in das warme Kistchen gelegt. Nach jeder Mahlzeit wird es Urin lassen, Kot scheidet es 1-2 mal am Tag aus.

Der  Rhythmus der Fütterung durch den Menschen ist immer ein künstlicher Rhythmus und manchmal müssen die Kleinen mit Geschick überzeugt  werden, die Nahrungsmenge zu trinken. Die Gewichtsentwicklung in ein guter Anhaltspunkt, ob das Katzenbaby genug Milch bekommt. Nimmt ein Katzenbaby ab, ist dies immer ernst zu nehmendes Zeichen einer möglichen Komplikation.

Die Entwicklung der Kätzchen nach der Geburt

Veränderungen zeitnah zu entdecken ist einiges Wissen über  die normale Entwicklung der Katzen Voraussetzung.

Die Entwicklung der Kätzchen verläuft nach der Geburt in einer bestimmten Reihenfolge. Viele Fähigkeiten und Verhaltensweisen sind angeboren, einige reifen in den ersten Lebenswochen heran. Reifung bedeutet auch, dass die Katze Anregungen und aus der Umgebung braucht, damit dieser Vorgänge vollständig ablaufen können.

Bei der Geburt sind die Neugeborenen 80 bis 100 g leicht und  noch wenig entwickelt.  Sie haben lediglich einen Tastsinn, Geruchssinn und einen Wärmesinn. So ausgestattet können sie die Zitzen ihrer Mutter finden.

Die Körpertemperatur selbst können sie allerdings noch nicht halten. Aus diesem Grund ist das Wärmen der Kleinen die erste und wichtigste Maßnahme, wenn ein Baby gefunden wird. Ein Auskühlen würde den sicheren Tod des Katzenbabys bedeuten.

Die Augen öffnen sich erst zwischen dem 7.-16. Lebenstag. Das Sehen ist zu dem frühen  Zeitpunkt noch sehr unscharf. Die Reifung des Sehvermögens erfolgt in der 3.-10. Lebenswoche.  Auch das räumliche Sehen reift heran. Das Kätzchen muss nun die Bewegung in der 3. Dimension erfahren können, also ein Umfeld mit verschiedenen Ebenen kennenlernen, damit sich diese Fähigkeit vollständig ausbilden kann. Für die Katze ist gutes Sehen die Voraussetzung, um sicher Klettern und Springen zu können.

Das Hören beginnt mit dem 5. Lebenstag  und ist in der 4. Woche vollständig ausgebildet.

Die Bewegungsentwicklung findet  in den ersten zwei Wochen soweit statt, dass einem Laufen auf vier Pfötchen nichts mehr im Wege Da aller Anfang bekanntlich schwer ist, so ist sind auch  hier die ersten Versuche noch  sehr unsicher und torklig. Übung macht den Meister, das weiß auch jedes Katzenkind und trainiert unermüdlich bei seinen ersten Erkundungsgängen.

Etwa in der dritten Lebenswoche werden die Kitten das Nestchen gerne einmal verlassen und die Umgebung erkunden. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für die Kleinen die Katzentoilette kennenzulernen. Anfangs muss der Mensch nachhelfen und sie ab und zu hineinsetzen. Da sie gerne scharren, lernen sie schnell die wahre Bestimmung der Toilette kennen und  nutzen sie für ihre Ausscheidungen.

Die Gewichtsentwicklung ist in den ersten 3 Monaten enorm. Sie muss auf jeden Fall bei einer Handaufzucht kontinuierlich überprüft werden. Das Geburtsgewicht liegt bei ca. 80 -100g und sollte sich in der ersten Lebenswoche verdoppeln, in den weiteren Wochen wird es täglich 5-15g zunehmen.

In der 4-5. Woche ist das Milchgebiss ausgebildet und die Kätzchen beginnen sich für feste Nahrung zu interessieren.  Die  Mutter hat eine wichtige Vorbildundfunktion bei der Aufnahme der vorerst fremden Nahrung. Konnten die Kätzchen ihre Mutter hierbei beobachten, so wird diese Nahrung auch von ihnen akzeptiert. Die kleinen Katzenwaisen, die ohne ihre Mutter diese Entwicklungsschritte durchleben, brauchen ca. 5 Tage und einen geduldigen Menschen bis sie das neue Futter fressen. Sie müssen noch mit Milch zugefüttert werden, damit es nicht zu einer Gewichtsabnahme kommt.

Lehrmeister Mensch und der Beutefang

Beutefang ist ein angeborener Instinkt bei Katzen. Er besteht aus einzelnen Handlungen wie das Anschleichen, dem Sprung,  das Zupacken und den Nackenbiss setzen. Das Kätzchen übt dies Elemente im Spiel mit ihren Geschwistern. Auch die Katzenmutter bringt den Kleinen ab der 4. Woche Beute von ihren Ausflügen mit.  Sie erlegt die Mäuse, dann darf und soll der Nachwuchs  Mut beweisen und die mitgebrachte Nahrung töten. Das Katzenkind ist in höchster Anspannung und wird durch die Mutter angefeuert, indem sie sich anschickt die Beute selbst zu erlegen. So wird der dem Kätzchen ermöglicht die Beißhemmung zu überwinden. Sie ist nun auf dem besten Weg ein guter, furchtloser Mäusefänger zu werden.

Was wird nun mit unseren Katzenwaisen?  Sicher sind wir keine guten Lehrmeister, denn  wahrscheinlich ist die aktive Rolle der Mutterkatze für uns nicht leicht zu imitieren Dem tierlieben Menschen erscheint es brutal, beim Töten der Maus die Katze anzufeuern.

Von Menschen aufgezogene Katzen sind hier eindeutig im Nachteil, da sie häufig schlechte Jäger werden. Das belegen schon frühe Studien des bekannten Katzenforschers Paul Leyhausen. Trotz angeborenem Instinkt, kann die Beißhemmung in vielen Fällen nicht überwunden werden. Die Katze hat einfach Angst vor der Maus. Das muss nicht ganz unberechtigt sein, da eine Maus in Todesangst durchaus kräftig zubeißen kann.

Auch wenn der Mensch dem Pflegekind nicht so wie die Mutter das Mausen beibringen kann, so ist er doch in der Lage mit dem Kätzchen den Beutefang spielerisch nachzustellen. Dieses Spiel hilft die Reaktionsfähigkeit zu schulen, die entsprechenden Muskeln zu stärken und macht eben einfach  Spaß.

Entwicklung der Katzenpersönlichkeit

Gehen wir nun der Frage nach, ob sich die handaufgezogenen Katzen im Vergleich zu  normal, also von der Katzenmutter, aufgezogenen Katzen in ihrem Verhalten unterscheiden. Das lässt sich schon deshalb nicht pauschal beantworten, weil es auf den Zeitpunkt und die Umstände der Handaufzucht entscheidend ankommt. Die Kätzchen, die erst nach einigen Wochen sich ohne mütterliche Hilfe entwickeln müssen, haben bessere Startchancen, als diejenigen, die schon nach Stunden oder Tagen verlassen werden.

Der Mensch, in der Rolle der Katzenmutter, kann trotzdem durch gezielte Unterstützung der Kleinen, ihre Entwicklung zu einer stabilen Katzenpersönlichkeit positiv beeinflussen.

Ihre Chancen zu einer sozialen Katze heranzuwachsen, sind ungleich größer, wenn sie mit den Wurfgeschwistern aufwachsen kann. Im Spiel lernen die Kätzchen das soziale Miteinander, sowie ihre Grenzen kennen. Das findet statt vor allem ab der 7. Woche statt. Die Erziehung durch die Katzenmutter kann der Mensch nicht ersetzen. Diese Aufgabe können allerdings andere erwachsene Katzen übernehmen, wenn sie im gleichen Haushalt leben. Gerne wird auch ein kastrierter Kater als guter Onkel sich der Erziehung der Katzenkinder widmen.

Um im späteren Katzenleben flexibel und verträglich mit  Artgenossen zu sein, sollten die Kätzchen schon möglichst früh Kontakt zu anderen Katzen haben.

 Hilfe durch Wellness

Eine Katzenmutter  sorgt für das Wohlfühlen der Kitten durch Körperkontakt und Wellnessmassagen mit ihrer Zunge.

Der Mensch muss also auch diesen Bereich bei der Betreuung bedenken. Eine ruhige Atmosphäre  beim Füttern hilft, damit das Katzenbaby entspannt nuckeln kann. Gerade in den ersten Wochen ist diese Ruhe und Sicherheit  wichtig für die Stressverarbeitung im Gehirn der Kleinen.

Eine regelmässige Kätzchenmassage in Form von Streicheln und Schmusen ist Genuss pur und  stimuliert auf positive Weise  die Hautsinnesorgane.  Es stärkt das Immunsystem und reduziert stressbedingte Krankheiten.

Die Möglichkeit für die Kätzchen zu emotional stabilen Katzenpersönlichkeiten heranzuwachsen  steigt enorm, wenn der Mensch auf diese katzenmuttertypische Weise die Welpen betreut.

In der 3. bis 7. Lebenswoche lernt das Kätzchen mit der Mutter und den Wurfgeschwistern zu kommunizieren. Wie Studien belegen  (Reisner et al 1999).wirkt sich in dieser Entwicklungsphase  regelmässiger freundlicher Kontakt zu Menschen besonders positiv aus. Haben sie die Möglichkeit in dieser Zeit Menschen verschiedener Altersklassen und Geschlechts kennenzulernen, desto weniger ängstlich zeigen sie sich später.

Das neue zu Hause

Nun ist es so weit und die Katzenkinder dürfen in ein neues zu Hause umziehen. Die neue Familie sollte sorgfältig ausgewählt werden, damit einem glücklichen Katzenleben nichts im Wege steht.

Es ist durchaus möglich, dass sich ein von menschenhand aufgezogenes Kätzchen ganz normal zu einer abenteuerlustigen und sicheren Katze entwickelt. Es kann aber ebenso sein, dass sie auch als erwachsene Tiere mehr Unterstützung durch den Menschen brauchen, als unter normalen Umständen herangewachsene Katzen. In der Regel bleiben sie ein Leben lang sehr menschenbezogen.

Sie können sehr aufgeschlossen gegenüber Artgenossen sein, aber auch unbeholfen und stürmisch in ihren Annäherungsversuchen. Sie haben möglicherweise in Sachen Katzenkommunikation noch einiges nachzuholen. Im  Mehrkatzenhaushalt kann dieses etwas andere Verhalten in einer Mobbingsituation enden.

Kommt ein Katzenkind mit diesen Voraussetzungen zum Beispiel in einen Haushalt in dem eine ängstliche Katze lebt, kann das ungehobelte Verhalten durch die fehlende motorische und emotionale Selbstkontrolle die erwachsene Katze überfordern und verunsichern. Missverständnisse können zu aggressivem Verhalten der älteren Katze führen.

Es ist deshalb empfehlenswert sich für ein handaufgezogenes Kätzchen zu entscheiden, wenn in der Familie bereits eine stabile Katzenpersönlichkeit wohnt. Sie wird dem Neuen gelassen begegnen und ist sicher gerne bereit noch etwas Erziehung auf katzentypische Weise nachzubessern.

Fazit

Wenn der Mensch zur Katzenmutter wird, hat er also nicht nur die Aufgabe die Kleinen aufzupäppeln, sondern auch, sie in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer Fähigkeiten  zu fördern.

Kommen Sie unerwartet in die Situation eine menschliche Katzenmutter auf Zeit zu sein, finden Sie Unterstützung und Beratung in Tierheimen, bei Tierärzten oder bei Katzenschutzorganisationen an Ihrem Wohnort.

Eine weitere schöne Variante Verantwortung für Katzenwaisen zu übernehmen ist eine Patenschaft. Die Findelkinder werden in erfahrenen Pflegestellen aufgenommen und aufgezogen. Die zukünftigen Adoptiveltern können schon früh zu den Kätzchen Kontakt aufbauen und ihnen später ein liebevolles zu Hause bieten.

 

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